Health Policy Monitor
Skip Navigation

Health Policy Monitor auf Versorgungsforschungskongress in Washington, DC

8.-10. Juni 2008
Washington D.C.

Wie schon im Vorjahr präsentierte sich das Internationale Netzwerk Gesundheitspolitik mit einem Informationsstand zum Health Policy Monitor auf dem 25. Annual Research Meeting der AcademyHealth in Washington, D.C., dem mit 2400 Teilnehmern weltweit größten Kongress von Versorgungsforschern, Praktikern und politischen Entscheidern und Beratern. Dabei profitierte das Team aus Deutschland - Frau Schlette wurde vor Jahren in das International Advisory Committee der AcademyHealth berufen - von der tatkräftigen Unterstützung und Kooperation des Büros der Bertelsmann Stiftung in Washington D.C., die ihrerseits die Gelegenheit zum Netzwerken an den drei Tagen nutzte.

Der Stand des Health Policy Monitor auf dem ARM in Washington D.C.

Reges Interesse am gesundheitspolitischen Reformlabor Deutschland

Das Interesse am Stand war groß - nicht zuletzt dadurch, weil der Reformdruck im US-Gesundheitswesen riesig ist. Denn das amerikanische Gesundheitswesen ist schwer krank. 47 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung, Tendenz steigend, weitere 25 Millionen sind im Krankheitsfall ungenügend abgesichert, die Prämien der (noch) Versicherten wachsen jedes Jahr nicht zuletzt deswegen zweistellig. Und trotz Spitzenmedizin, Spitzentechnologien, Spitzenforschung in den USA: Die Qualität der Versorgung variiert stark. Die Hälfte der amerikanischen Patienten erhält laut Berichten des Institute of Medicine nicht die bestmögliche Versorgung. Informationstechnologisch leidet das große Land an einer Vielfalt von  Systemen, die miteinander nicht kommunizieren - und daran, dass Health Information Systems vielfach noch nicht einmal im Einsatz sind. Das Gesundheitssystem - ein Papiertiger.

In Ermangelung großer Lösungen suchte in den letzten Jahren jeder Bundesstaat für sich nach eigenen Wegen und Auswegen, allen voran Massachusetts. Aus der Wirtschaft kommen ebenso Empfehlungen wie aus den großen Versicherungsunternehmen und natürlich aus Universitäten, Denkfabriken und Stiftungen.

Die gesundheitspolitischen Berater der Präsidentschaftskandidaten basteln derweil an neuen Konzepten. Dafür braucht es Vorbilder, und die finden sich in Europa. So groß ist der Druck, dass - für die USA sehr ungewöhnlich - das Interesse insbesondere an Deutschland in jüngster Zeit exponentiell gestiegen ist. Dieses Interesse manifestiert sich unter anderem in immer häufigeren Anfragen beim Health Policy Monitor-Team und in den vielen US-Study Groups, die sich bei uns auf der Suche nach übertragbaren Lösungsansätzen an uns wenden, sich in Deutschland umsehen und dabei schon die Klinke in die Hand geben.

"Es gibt viele Dinge, die aus US-Sicht in europäischen Gesundheitssystemen geradezu beneidenswert gut funktionieren", so Sophia Schlette, Leiterin des Projekts Internationale Gesundheitspolitik. "In Deutschland gibt es z.B. universellen Krankenversicherungsschutz, Disease-Management-Programme und andere neue Versorgungsformen mit effektiven Anreizen für Patienten, Ärzte und Krankenkassen, öffentlich zugängliche Krankenhausberichte, Höchsterstattungsgrenzen für Arzneimittelpreise und mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen ausgestattete, nichtstaatliche Institutionen wie den Gemeinsamen Bundesausschuss - lauter Steuerungsmechanismen, die bei der Lösung der drängenden Finanzierungs- und Versorgungsprobleme des US-amerikanischen Gesundheitssystems als Blaupause dienen könnten."

Und Uwe Reinhardt, Professor an der renommierten Princeton University, unterstreicht: "der Health Policy Monitor" der Bertelsmann Stiftung gehört für  internationalen Vergleiche von Gesundheitssystemen und -reformen zu den nützlichsten Instrumenten überhaupt - zusammen mit den internationalen Befragungen des Commonwealth Fund und den Studien und Berichten des Europäischen Observatoriums.

Da aber nunmal kein Gesundheitssystem perfekt ist, können wir umgekehrt vom Austausch mit Fachleuten und der Erfahrung der gut funktionierenden Versorgungsmodelle in den USA ebenfalls profitieren. Zu den großen Themen der Zukunft, die die "next generation"- Wissenschaftler auf dem Annual Research Meeting identifizierten, gehört die Versorgung psychisch kranker Menschen, das Schaffen von Voraussetzungen für eine neue Versorgungskultur - mit interdisziplinären Behandlungsteams über das traditionelle Arzt-Patienten-Verhältnis hinaus, die Suche nach Anreizen und Hebeln für strukturelle Veränderungen in den Gesundheitssystemen, die verstärkte Nutzung von Wirksamkeitsvergleichen ("comparative effectiveness analysis") in Zeiten knapper Ressourcen und zur Bewertung von Innovation und Effizienz. Grundlage alldessen müssten die systematische Datenerhebung und -evaluation zur Weiterentwicklung von Versorgung auf der Basis hochleistungsfähiger Informationstechnologien sein.

Konsens bestand in Washington schließlich auch darin, dass die Versorgungsforscher sich verstärkt und aktiv an der Umsetzung ihrer Empfehlungen beteiligen müssten. Die drängenden Probleme erforderten schnelle Antworten, schnelle Lösungen und die flächendeckende Ausbreitung von "good practice". Denn hierfür hat die Health Services Research Community in den letzten 25 Jahren genug Evidenz hervorgebracht.