Health Policy Monitor
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Lunchtime "Mental Health Integration"

16. März 2009
Berlin

Der Handlungsdruck ist enorm: Etwa jeder dritte Erwachsene in Deutschland erkrankt im Laufe eines Jahres an einer psychischen Störung - Depression wird in den kommenden Jahren zur häufigsten chronischen Erkrankung in Europa werden. Ist die Versäulung des Gesundheitswesens schon bei der Behandlung  körperlicher Erkrankungen ein großes Problem, so stellt die Fragmentierung von allgemeinmedizinischer und spezialisierter Versorgung, sozialen Diensten und Pflege die Beteiligten oft vor unüberwindbare Hürden. Das Erfordernis nach ganzheitlichen, ineinandergreifenden und kosteneffizienten Versorgungsformen liegt auf der Hand.

Ein positives Beispiel ist das Model "Mental Health Integration" von Intermountain Healthcare, dem größten Anbieter von Gesundheitsversorgung im US-Bundesstaat Utah. Brenda Reiss-Brennan, Mental Health Integration Director bei Intermountain Healthcare, stellte das Konzept am vergangenen Montag in Berlin  vor. Im Rahmen einer Lunchtime holte das Internationale Netzwerk Gesundheitspolitik hierfür rund 20 Akteure aus Politik, Wissenschaft und Praxis an einen Tisch. Allgemeinmediziner, Psychiater, Psychotherapeuten, Krankenkassen, Träger von sozialen Diensten und Vertreter der Patienten und ihrer Angehörigen diskutierten gemeinsam über Möglichkeiten, die Versorgung für psychisch kranke Menschen zu verbessern.

Von rechts nach links: Brenda Reiss-Brennan, Intermountain Healthcare; Timo Harfst, BPtK; Lucy Savitz, Intermountain; Dr. Tophoven, BPtK; Dr. Gibis, KBV; Dr. Nadolny, DPTV, Dr. Peters, AOK-BV

Das Modell "Mental Health Integration"

Intermountain Healthcare hat im Rahmen seiner Primary Care Clinics - vergleichbar unseren medizinischen Versorgungszentren - einen dreistufigen Ansatz entwickelt: Kommt ein Patient in eine Versorgungseinrichtung, achtet das gesamte Versorgungsteam, vom Pförtner bis zum Klinikleiter, automatisch nicht nur auf somatische Beschwerden, sondern auch auf das psychische Wohlbefinden der Person. Kommen Erstbehandler und Patient zu dem Schluss, dass ein psychisches Problem vorliegen könnte, wird mit Hilfe eines Fragebogens die Schwere der psychischen Erkrankung und der Behandlungsbedarf ermittelt.

Behandelt wird nach einem "Kaskaden"-Ansatz: Der Komplexität der Erkrankung entsprechend werden Primärversorger, Mental-Health-Care-Manager, Experten verschiedener Fachrichtungen und vor allen Dingen die Person selbst und immer auch das familiäre Umfeld in die Behandlung eingebunden, die evidenzbasierten Leitlinien folgt. Während die Primärversorger (Ärzte oder Nurse Practitioners) Diagnose und Basisbehandlung der Patienten übernehmen, kümmern sich Care Manager (speziell qualifizierte Pflegekräfte) um die Weiterbehandlung von Patienten mit komplexem Behandlungsbedarf. Die Care Manager koordinieren zwischen Primärversorgung, den spezialisierten Angeboten der psychischen Versorgung sowie dem sozialen und familiären Umfeld. Alle Beschäftigten von Intermountain Healthcare und alle kooperierenden Leistungserbringer werden in der Triage von Patienten mit psychischen Problemen geschult.

Evaluationen belegen win-win-Situation

Die deutsche Einzelpraxis tut sich dagegen mit psychischen Erkrankungen schwer: Professor Ulrich Hegerl von der Universität Leipzig und Facharzt für Psychiatrie und Public Health gab zu bedenken, dass in der hausärztlichen Praxis in Deutschland nur jede zweite Depression richtig diagnostiziert wird, und dass von den diagnostizierten Erkrankungen wiederum nur jede zweite richtig therapiert wird.

Erste Evaluationsergebnisse von "Mental Health Integration" zeigen eine win-win-Situation: Intermountains Ansatz hat zu besserer Versorgungsqualität und mehr Lebensqualität geführt. Für die Patienten verbessert das Programm den Gesundheitszustand und erhöht die Zufriedenheit, von der auch Angehörige profitieren. Für Leistungsanbieter bedeutet die verbesserte interdisziplinäre Kooperation eine geringere Belastung bei der Behandlung psychisch kranker Patienten. Für das System insgesamt ist das Programm effizient: die Kosten liegen nicht über denen der Regelversorgung.

Integrierte Versorgung erfordert einen Mentalitätwandel

Zugleich steht das "Mental Health Integration"-Programm auch Herausforderungen gegenüber. Ein integratives Behandlungskonzept erfordert einen Mentalitätswandel der beteiligten Leistungsanbieter. Anstatt psychische Gesundheit isoliert zu betrachten, müsse vielmehr das Wechselspiel zwischen Körper und Geist, zwischen Individuum und Gesellschaft anerkannt werden, fordert Brenda Reiss-Brennan.

Wie Differenzen und unterschiedliche Interessen der verschiedenen Leistungserbringer überwunden werden können, wurde auch beim deutschen Publikum diskutiert. Zwar gibt es in ganz Deutschland vielversprechende Projekte, in denen sich innovative Akteure auf lokaler Ebene zusammentun, um die Versorgung für psychisch Kranke zu optimieren - doch auch bei guten Ideen findet kein Roll-out statt. Um bundesweit die Situation von psychisch Kranken und ihren Angehörigen zu verbessern, bräuchte es wohl mehr politischen Willen und einen Vorstoß der Selbstverwaltung.

Link

Website von Intermountain Healthcare zu Mental Health Integration mit Fragebogen, Lehrmaterialien und weiteren Tools.

Contact

Kerstin Blum

Phone:05241-81-81419

E-mail:kerstin.blum@ bertelsmann.de