Health Policy Monitor
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Präsentation des Bellagio-Modells beim BMJ 14. Internationalen Forum über Qualität und Sicherheit im Gesundheitswesen

17.-20. März 2009
Berlin

Nach dem Erfolg des Internationalen Forums im April 2008 in Paris kam das Internationale Forum über Qualität und Sicherheit im Gesundheitswesen 2009 in die deutsche Hauptstadt. Mehr als 2.000 Vertreter aus über 70 Ländern nahmen teil.

 

Bellagio-Methode zur Bewertung und Weiterentwicklung von Primärversorgung vor internationalem Expertenkreis vorgestellt

Vergangene Woche konnte die letztes Jahr am Comer See gegründete "Bellagio Primary Care Group" das Bellagio-Modell zur bevölkerungsorientierten Primärversorgung einem großen Kreis interessierter Fachleute aus aller Welt vorstellen. Das Internationale Forum für Qualität und Sicherheit in der Gesundheitsversorgung, das ausgerichtet vom British Medical Journal dieses Jahr im Berliner ICC tagte, bot dazu einen optimalen Rahmen. 

Nach der Entwicklung des Modells liegen nun bereits erste Erfahrungen mit den zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten vor. Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass Behandlungsergebnisse dort besser, Patienten gesünder und auch Leistungserbringer zufriedener sind, wo Primärversorgung einen großen Anteil im Gesundheitssystem hat. Umgekehrt ist bekannt, dass eine hohe Facharztdichte mit einer erhöhten Morbidität und Mortalität einhergeht. Das, so weiß man heute, ist der Preis von immer weiter fortschreitender Spezialisierung und Partialisierung der Versorgung. 

Nachdem die Bellagio Primary Care Group auf ihrer Tagung im April 2008zunächst zehn evidenzbasierte Maßstäbe für nachhaltige, umfassende und zeitgemäße Primärversorgung entwickelt hatte, zeigte sich nach kurzer Zeit der eigentliche Nutzen und die Tragweite des Modells. Mehr als ein Modell ist es eine Methode, mit vielen Verwendungsmöglichkeiten. Die Bellagio-Methode kann als Diagnose-Instrument oder als Referenzrahmen dienen, um das eigene Gesundheitssystem mit Blick auf die Primärversorgung zu analysieren: Welchen Stellenwert hat Primärversorgung? (Governance, politische Priorisierung, Public Trust) Wird sie dem Erfordernis als erste Anlaufstelle, als Koordinierungsknotenpunkt und als medizinisches Zuhause für akut und chronisch Kranke gerecht? (Bevölkerungsorientierung) Welches sind die Stärken und die Schwächen, die Risiken und die Chancen von Primärversorgung im eigenen Land, oder in einer Region, oder in einem städtischen Ballungsgebiet? (Bevölkerungsorientierung) Wo steht Primärversorgung gegenüber anderen Versorgern, insbesondere gegenüber Fachärzten und Krankenhäusern, aber auch gegenüber dem sozialen und pflegerischen Umfeld? ("diagonale Integration", professionelle Netzwerke, Infrastruktur) Welche politischen und finanziellen Anreize existieren, um die Primärversorgung zu fördern? (Vergütungssystem, Versorgungsforschung) Arbeiten politische Entscheider mit Praktikern und Wissenschaftlern zusammen? (Shared Leadership, Vorgaben für proaktives Praxismanagement)

Benchmark-Schema zur Bewertung von Primärversorgungssystemen

Um diese Fragen zu beantworten, wurde ein einfaches Benchmark-Schema entwickelt. Anhand einer Ampel kann man jedes der 10 Bellagio-Kernelemente bewerten und aufzeigen, wo ein Land, System oder Versorgungsverbund gerade steht, und wo besonderer Verbesserungsbedarf besteht. 

Ein paar Beispiele 

Katalonien arbeitet mit der Bellagio-Methode, um ein im Jahr 2007 entwickeltes anspruchsvolles, aber nicht realisiertes Reformvorhaben zur Weiterentwicklung von Primärversorgung zu analysieren. Woran lag es, dass die Umsetzung nicht voran kam und sogar aktiv von maßgeblichen Akteuren hintertrieben wurde? Obgleich partizipativ und bottom-up entwickelt, hatte man den Einfluss und den Widerstand seitens Krankenhäuser unterschätzt! Bei allem Bemühen um Pluralität hatte man ausgerechnet den stationären Sektor außen vor gelassen, damit war das Kriterium von "Shared Leadership" nicht beherzigt worden. In England verwendet der King's Fund, eine renommierte Stiftung zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung im Königreich, derzeit das Bellagio-Modell für eine vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Hausarztbefragung (GP Inquiry).  In Deutschland hat nach harten Diskussionen das Bellagio-Modell Eingang in das Gutachten des Sachverständigenrates gefunden, das im Sommer vorgelegt werden wird. Auch in der Beurteilung von Reviews und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Primärversorgung dient unser Modell als Maßstab. 

Vorgestellt wurden die zehn Leitlinien des Bellagio-Modells sowie diese sehr praktischen Ergebnisse von Tino Marti, Forscher am Institut für Gesundheitsstudien in Barcelona und Managing Director eines Primärversorgungszentrums in Castelldefels, Anne Frolich, Internistin, Regierungsberaterin und Leiterin der Abteilung Forschung und Entwicklung am Universitätskrankenhaus in Kopenhagen, sowie Sophia Schlette, die zur Zeit während ihres Sabbaticals bei Kaiser Permanente über Reformoptionen, darunter Handlungsspielräume für Primärversorgung, in den USA nachdenkt. 

Die ungefähr 100 Teilnehmer wurden in der interaktiven Session gebeten, die 10 Elemente des Bellagio-Modells auf ihr eigenes Land zu beziehen. Das Echo aus England, Finnland, den Niederlanden und ?? war positiv. Für die weitere Ausarbeitung nahmen wir mit, dass die "Ampel" noch genauer definiert werden muss, die Überlegung, ob man das Modell auch für Leistungsvergleiche zwischen Ländern und Regionen heranziehen kann (eher nein) sowie die Frage, ob die Umsetzung eines Reformvorhabens zur Verbesserung von Primärversorgung tatsächlich daran scheitern kann, wenn irgendeines der zehn Elemente nicht beachtet wurde, wie das Beispiel Katalonien suggeriert. Belegt wäre damit zwar die Wichtigkeit und Unverzichtbarkeit jedes einzelnen Bestandteils, aber untersucht haben wir das noch nicht. 

Fazit: Die Bellagio Primary Care Group setzt Maßstäbe, es ist ein Modell für Spitzenmedizin für akut und chronisch Kranke im 21. Jahrhundert. Das von einem internationalen und interdisziplinären Expertenteam entwickelte Modell ist flexibel, robust und umfassend genug, um unabhängig von einem bestimmten Gesundheitssystem Anwendung zu finden. 

Eine Publikation ist in Arbeit, und geplant ist eine Konferenz zur Auswertung der Erfahrungen und Ergebnisse im Frühjahr 2010.

Link

Weitere Informationen auf der Website der Veranstalter.

Kontakt:

Sophia Schlette vom Internationalen Netzwerk Gesundheitspolitik leitete eine Session zum "Bellagio model of population-oriented primary care".